Wachhypnose bei Panikattacke
Aktualisiert: 4. Sept.
Hypnose bei Panikattacken: Was hypnotische Kommunikation im Rettungsdienst bewirken kann
Ein anonymisierter Fall aus meiner Tätigkeit im Rettungsdienst. Einzelne Details wurden zum Schutz der Beteiligten verändert.
Es ist 01:30 Uhr, als der Melder geht.
Von 0 auf 100 in wenigen Sekunden. Aufstehen, orientieren, anziehen – und gleichzeitig versucht der Kopf schon zu erfassen, was uns erwartet.
Ein Blick auf den Melder: „Hyperventilation bei Panikattacke, 15 Jahre, weiblich.“
Die erste Anspannung sinkt ein wenig. Trotzdem weiß man im Rettungsdienst: Hinter einer zunächst harmlos klingenden Einsatzmeldung kann sich immer etwas anderes verbergen.

Beim Eintreffen sitzt die Jugendliche auf dem Sofa. Sie atmet deutlich zu schnell und berichtet über Kribbeln an Händen, Füßen und Lippen. Auch erste Verkrampfungen der Hände sind erkennbar.
Wir versuchen zunächst, ihre Atmung zu beruhigen.
Kurzzeitig gelingt das. Doch immer wieder fällt sie in das schnelle und panische Atemmuster zurück.
Wenn Angst und Atmung sich gegenseitig verstärken
Eine solche Situation kann zu einem regelrechten Kreislauf werden.
Die Jugendliche spürt körperliche Veränderungen und bekommt Angst. Die Angst beschleunigt ihre Atmung. Dadurch werden die körperlichen Empfindungen noch stärker wahrgenommen – und die Angst nimmt weiter zu.
Für die Patientin fühlt sich die Situation absolut real und bedrohlich an.
Mit einfachen Aufforderungen wie
„Atme doch einfach langsamer“
kommt man dann häufig nicht weit.
Denn genau das versucht sie bereits.
Ein zusätzliches Problem: massive Spritzenangst
Nachdem die Rückatmung als Basismaßnahme nicht den gewünschten Erfolg erzielt, kommt eine medikamentöse Unterstützung als mögliche Option in Betracht.
Doch bereits beim Gedanken an eine Spritze reagiert die Jugendliche mit noch stärkerer Angst.
Ihre Atmung beschleunigt sich sofort wieder.
Eine Applikationsmöglichkeit über die Nase ist in dieser Situation ebenfalls nicht sinnvoll umsetzbar.
Damit stellt sich eine spannende Frage:
Welche Möglichkeiten haben wir noch, wenn Medikamente nicht eingesetzt werden können oder von der Patientin abgelehnt werden?
Eine unserer wichtigsten Möglichkeiten wird im medizinischen Alltag manchmal unterschätzt: Sprache.
Hypnotische Kommunikation im Rettungsdienst
Ich beginne ein Gespräch mit der Jugendlichen.
Zunächst geht es um ganz alltägliche Dinge. Ich versuche herauszufinden, was sie interessiert und welche Vorstellungen bei ihr positive Gefühle auslösen.
Schließlich erzählt sie mir von ihrem Traumziel: Hawaii.
Diese Information greife ich auf.
Ich lade sie ein, sich vorzustellen, dort zu sein.
Ein warmer Strand. Sand unter den Füßen. Das Meer vor ihr.
In Gedanken geht sie langsam ins Wasser.
Ihre Aufmerksamkeit richtet sich nun immer weniger auf die Symptome und immer stärker auf diese Vorstellung.
Schließlich stelle ich mir gemeinsam mit ihr vor, dass sie im Meer taucht.
Dazu verbinde ich das innere Bild mit ihrer Atmung:
„Augen schließen. Tief Luft holen. Mund schließen. Luft kurz anhalten. Untertauchen … und anschließend langsam wieder auftauchen und ruhig ausatmen.“
Wir wiederholen diese Sequenz.
Nach einigen Wiederholungen verändert sich etwas.
Ihre Atmung wird langsamer.
Die hektischen Atemzüge werden weniger.
Und vor allem:
Sie erlebt wieder, dass sie selbst Einfluss auf das hat, was gerade mit ihrem Körper passiert.
Was daran ist Hypnose?
Ich würde diese Situation als Beispiel für hypnotische Kommunikation und imaginative Aufmerksamkeitslenkung beschreiben.
Denn Hypnose bedeutet nicht zwangsläufig eine klassische Hypnosesitzung mit geschlossenen Augen, tiefer Entspannung und langer Einleitung.
Elemente hypnotischer Kommunikation lassen sich auch viel einfacher einsetzen.
Dazu gehören beispielsweise innere Bilder, positive Vorstellungen, Fokussierung der Aufmerksamkeit und eine Sprache, die vorhandene Ressourcen aktiviert.
In diesem Fall war Hawaii kein „Trick“.
Das Bild gab der Jugendlichen vielmehr etwas, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten konnte, anstatt permanent ihre Angst und ihre körperlichen Symptome zu beobachten.
Was passiert nach der akuten Panikattacke?
Der Rettungsdienst behandelt zunächst die akute Situation.
Doch wenn Panikattacken wiederholt auftreten, stellt sich anschließend eine andere Frage:
Welche Vorteile zieht die Jugendliche daraus?
Sie verfügt in Zukunft über eine Möglichkeit ihre Panikattacke selbständig und frühzeitig beheben zu können. Ich wies sie an, immer, wenn diese Hyperventilation bzw. Panikattacke wieder auftritt, an diesen Strand in Hawaii zu gehen und so oft unterzutauchen, bis die Atmung wieder normal ist.
Warum entstehen diese Reaktionen und was kann langfristig dagegen getan werden?
Das Gleiche gilt für eine stark ausgeprägte Spritzen- oder Nadelangst.
Eine weiterführende (hypno-)therapeutische Begleitung kann helfen, Auslöser, Gedanken, körperliche Reaktionen und Vermeidungsverhalten genauer zu verstehen.
Hypnose kann dabei – nach Abklärung physiologischer Auslöser – eingesetzt werden die Ursache der Panikattacken und der Spritzen- oder Nadelangst zu beheben.
Was ich aus diesem Einsatz mitgenommen habe
Dieser Einsatz hat mir erneut gezeigt, wie wichtig Kommunikation in der Medizin sein kann.
Wir verfügen heute über hochentwickelte Medikamente, Geräte und Behandlungsmöglichkeiten.
Und trotzdem beginnt wirksame Hilfe manchmal mit etwas sehr Einfachem:
Zuhören. Eine Verbindung herstellen. Herausfinden, was für diesen einen Menschen gerade hilfreich sein könnte und seine Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo wieder Sicherheit entstehen kann.
An diesem Abend war dieser Ort einige tausend Kilometer entfernt.
An einem Strand auf Hawaii.
Hypnose bei Angst und Spritzenangst
Wenn Ängste den Alltag bestimmen, medizinische Behandlungen erschweren oder bereits der Gedanke an eine Spritze intensive Reaktionen auslöst, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Gemeinsam können wir daran arbeiten, Reaktionen besser zu verstehen, vorhandene Ressourcen zu nutzen und neue Möglichkeiten im Umgang mit Angst zu entwickeln.
Du möchtest wissen, ob Hypnose für dich oder dein Kind eine Möglichkeit sein könnte? Dann nimm gerne Kontakt mit mir auf.
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.

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